Herwig Haupt

geb. 1938 in der Nähe von Breslau,

nach Lebensabschnitten in Niederbayern, Düsseldorf, München, Unterfranken und Hannover schließlich seit 1977 am Mittelrhein Heimatgefühl entwickelt

Lehrer, Psychologe, Ruhestand

Veröffentlichung von Lyrik und Kurzprosa in verschiedenen Literaturzeitschriften

Mitautor der Brückenschreiber-Anthologie „Füttere mich“ (2009)


Verfasser von „Wieder Lust auf ein Bier“ (2011)

Kurzgeschichtensammlung, Pop-Verlag 2011

Eine Rezension auf keinverlag.de können Sie hier lesen.


 Freundschaft


In unserem Dorf gab es durchaus Beispiele dafür, dass treue Hunde allmählich die Gesichtszüge ih­rer Besitzer annahmen. Amtsrat Obermoser und sein glatthaariger Pudeldackel hatten denselben Blick eingebildeter Schläue. Und der Bäcker in unserem Ort schaute genau so demütig zubo­den wie sein zu klein geratener Schäferhund, wenn die Bäckersfrau beide im selben Ton herumkommandier­te. Doch bei dem alten Bauern Jakob und seinem riesigen schwarzen Askan war es um­gekehrt. Das Tier kannten wir nur knurrend, zähnefletschend und mit wütendem Gebell im Sprung fast seine Kette zerreißend, während Jakob erst allmählich Askans finsteren Gesichtsaus­druck an­nahm. Als ich noch mit Jakobs Jüngstem befreundet war, betrat ich gelegentlich den Hof. Ecki ging furchtlos auf Askan zu und streichelte ihn. „Willst du‘s auch mal versuchen?“, fragte er mich. Aber ein Blick der Bestie löste bereits Panik in mir aus. Und Jakob, der aus dem Haus trat, war damals noch ein fast väterlicher Trost für mich mit ein paar beruhigenden Worten.

Dann zog Eckis Mutter jedoch mit ihren vier Kindern fort. Jakob blieb verbittert zurück und wurde wie sein Hund. Im Dorf wusste man nur noch Böses über ihn. Die Frau geschlagen, die Ackergren­zen nicht beachtet, den Bürgermeister beleidigt, den Traktor so geparkt, dass keiner mehr durch­kam. Er blieb der Kirche und allen Versammlungen fern, lebte nur noch für sich allein mit seinem ge­fürchteten Hund. Und auch der ertrug ihn nur widerwillig. Er zerbiss unseren Fußball, als er über die Mauer geflogen war, tötete eine allzu unerfahrene Katze, die wohl die Kettenlänge falsch eingeschätzt hatte, und entkleidete eine Fremde, die den Hof betrat, bis auf einen Rest Unterwäsche.

Alle hätten sich an diesen Zustand gewöhnt, wenn nicht der Bäuerin im Nachbarhof eine Panne pas­siert wäre. Sie wollte eine ihrer Gänse schlachten. Der Klotz mit dem Beil stand bereit. Doch die Gans hatte kein Interesse an der Prozedur. Als die Bäuerin sie mit geübter Hand an beiden Beinen hielt und sich bemühte, Vogelkopf und Hals schlaggerecht auf dem Richtblock zu platzieren, traf sie ein Flügelhieb im Gesicht. Sie lockerte den Griff und schon rauschte die Gans wild schnat­ternd über das Mäuerchen in Jakobs Hof.

Askan war wohl gerade von Einsamkeitsgefühlen heimgesucht. Oder er hatte erkannt, dass ihm hier ein Wesen entgegenflatterte, das wie er zu den Ungeliebten dieser schlechten Welt zählte.

Ein Weilchen blickten sie einander neugierig an, tauschten eifrig Schnabelheben und -senken gegen Beschnuppern, Zischen gegen Knurren. Allmählich wurde zartes Winseln und gutturales Schnattern daraus. Lecken und Schnäbeln, freundliches Flügelfächern und Pfotenknuffen.

Eine Woche später sah ich durchs Hoftor beide eng aneinander geschmiegt vor der Hundehütte in der Abendsonne liegen. Askan duldete nicht einmal, dass Jakob die Gans berührte, wenn er den gefüll­ten Futternapf hinstellte. Hund und Gans fraßen einträchtig aus derselben Schüssel. Auch um das Wassergefäß gab es keinen Streit. Bald gehörte der Gans der ganze Hof, während der Radius des Hundes durch die Kette begrenzt war. Eindringlinge wurden nun nicht nur angebellt, sondern auch angezischt und gegebenenfalls mit scharfem Schnabel in die Waden gezwickt.

      Jakob fand es richtig, der Nachbarin die Gans vorzuenthalten. So führten denn drei grimmige Men­schenfeinde ein sonderbares Leben auf dem Hof, ein Einzelgänger ohne jeglichen sozialen Bezug und zwei echte Freunde. 

© Herwig Haupt, 2017

 

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