Jürgen Gebhardt               

Im Mai 1957 in Koblenz geboren, seit der Jahrtausendwende im unteren Westerwald lebend. Schreibt Kurzgeschichten seit 2005. Themen sind die Skurillitäten des Alltags, die Natur, die Heimat und die Menschen. Das Leben an sich in all seinen Facetten. Erfüllte und unerfüllte Wünsche, Träume und Sehnsüchte. Die Vergänglichkeit und der Tod. Wird auch zukünftig mit Lust und Frust an kürzerer und längerer Prosa mit dem Ziel arbeiten, diese in Anthologien und Literaturzeitschriten zu veröffentlichen und bei Lesungen vorzutragen. 


You'll never walk alone

     

                         

Eine Melange aus Schweiß, kaltem Rauch und Bier umnebelt mich. Verschwitzte Leiber rempeln mich an. Ich presse meinen Bierbecher fest an meinen Oberkörper. Bloß nichts verschütten, das ist meine größte Sorge in diesem Moment.   

"Cheers!", krächzt Dave heiser, der die ganze Zeit laut gesungen hat. Schneeweiße Zähne lachen mich an, er hebt den Becher, um mit mir anzustoßen. Das Wummern der Bässe vibriert in meinem Bauch. Unter den Strahlen der wärmenden Nachmittagssonne feiern wir zusammen mit tausenden Musikfreunden, die sich in diesem Jahr wieder an der Rennstrecke zusammengefunden haben, um gemeinsam drei Tage lang Rock am Ring zu zelebrieren.


Daves Stimme kämpft gegen den infernalischen Geräuschpegel der elektrischen Gitarren und Rhythmusmaschinen an, aber ihm scheint wichtig, seine Message hier und jetzt, genau an diesem Ort, rüberzubringen.

"Dennis, absolut Klasse, dass wir wieder hier sind! Ich konnte kaum erwarten, euch wiederzusehen. My international friends." Die letzten Worte artikuliert er deutlich, spricht sie feierlich aus.

Ich beuge mich vor, brülle ihm die Antwort direkt ins Ohr. "Ja, genau hier hat unsere Freundschaft angefangen. Weißt du noch, Dave?"

"Klar, wie könnte ich das vergessen? Fast alle, die heute hier sind, waren schon damals dabei. Ihr Deutschen, Jessy und du. Tamás und Réka aus Ungarn. Meine Jungs aus London. Hatice und Selcuk, unsere türkischen Freunde. Kamil und Pawel aus Krakau“, sagt er in fast akzentfreiem Deutsch.


Jessy und ich hatten Dave und seine Freunde vor zehn Jahren auf dem Festival kennen gelernt. Musikbegeisterte Engländer, nette Kerle, die äußerst zuverlässige Freunde geworden waren. Genau wie Tamás und Réka, die auf einem Europatrip hier hängengeblieben waren. Andere waren im Verlauf der Jahre dazu gestoßen und hatten die Clique zu einer eingeschworenen Gemeinschaft erweitert. Junge Menschen um die dreißig Jahre, durch gemeinsame Interessen verbunden. Wir trafen uns nicht nur zum Rock am Ring, sondern hielten das ganze Jahr über Kontakt, wann immer es möglich war.


Wir hatten seit dem Nachmittag unweit der Bühne in der Menschenmenge gestanden und die Musik verfolgt. Hier, in der Nähe der Volcano Stage, war die Menschenmasse so verdichtet, dass man kaum die Arme heben konnte. Wir scherzten, lachten und sangen. Zwischendurch machten wir Pause am Rande des Geländes.


Kurz nach acht Uhr: Die Band Broilers ist gerade mitten in ihrem Auftritt, als schlagartig die Musik verstummt. Stromausfall? Nein, das kann nicht sein, denke ich, denn ich sehe, dass die Lichter der Bühne noch angeschaltet sind. Ich will mich gerade zu meinen Freunden umdrehen, als der Veranstalter erscheint und mitteilt, dass die Veranstaltung abgebrochen wird.

"Bitte verlassen Sie das Gelände langsam und ohne Panik. Gehen Sie auf die Campingplätze. Es hat sich eine Gefährdungslage ergeben und wir müssen diese Maßnahme aus Vorsicht durchführen."


Ein Attentat? Terroralarm? Sind wir in Gefahr? Panik überkommt mich. Sofort fallen mir die Grauen der letzten Monate ein: Bataclan in Paris, Nizza, London, Berlin und Manchester. Augenblicklich beginne ich zu zittern, plötzlich aber spüre ich, wie sich eine Hand auf meine Schulter legt. Dave!

"Keep calm", sagt er sanft und lächelt mich an. Wie immer bewahrt er kühlen Kopf, ist einer der Ersten, die sich gefangen haben. Kaum hat er die ersten Schritte getan, - Tippelschrittchen in der Enge der Menschenmasse, mehr ist nicht möglich -, stimmt Dave mit voller Inbrunst das Lied an, das wir vor einigen Jahren das erste Mal bei einem gemeinsam besuchten Auswärtsspiel der „Spurs“ in Liverpool gesungen hatten. Inmitten tausender englischer Fußballfans, die für drei Minuten wie ein Mann zusammen gestanden waren, um, - nachdem sie miteinander gesungen und ihre Schals hochgehalten hatten -, frenetisch ihrem Team zuzujubeln:

"You´ll never walk alone".

    

Ich singe mit. Erst zögernd, dann immer lauter. Spüre die Gänsehaut auf meinen Armen. Der Gesang verbreitet sich wellenförmig über die gesamte Menschenmenge, die Textzeilen erklingen aus tausenden Kehlen. Ein friedlicher Protest gegen den Terror in der Welt! Ein Zeichen des Zusammenhalts in schwierigen und gefährlichen Zeiten, das Mut macht. Wir halten zusammen! Junge Menschen verschiedener Nationen und Kulturen, die zusammengekommen sind, gemeinsam eine schöne Zeit zu erleben. Zu feiern, unter Freunden zu sein. Wir lassen uns unser freies Leben nicht durch den Terror zerstören!  


Auf dem Zeltplatz setzen wir uns auf unsere Isoliermatten. Aufgeregt diskutieren wir über die Ereignisse. Wird das Festival abgebrochen? Oder wird es weitergehen?

"Fucking terrorists", sagt Tamás auf Englisch. "Da nehmen wir den langen Weg von Ungarn auf uns und sind froh, mit euch zusammen feiern zu können und dann das. Shit."

"Es war bestimmt ein Fehlalarm", ergänzt Réka, um uns Mut zu machen. „Es geht bestimmt weiter. Ihr werdet sehen."


Rékas Worte werden erhört.

Am Folgetag geht Rock am Ring weiter, so, als hätte es die Unterbrechung niemals gegeben.

In der Nacht nach der Veranstaltung sitzen wir vor unseren Zelten, sprechen stundenlang über uns, unser Leben und unsere Erfahrungen. Immer wieder reden wir über das, was wir am Freitag erlebt haben.   

Wir leben in gefährlichen Zeiten“, sage ich in melancholischer Stimmung, „Überall Unfrieden, Kriege und Terror. Auf der ganzen Welt“.   

Stimmt, aber wisst ihr, was das Wichtigste ist?“, sagt Dave.

Sein Blick wandert langsam über unsere Gesichter.

Dass wir uns niemals auseinander dividieren lassen. Ihr wisst ja: Wenn man echte Freunde hat, kann man durch den stärksten Sturm gehen, man ist niemals allein.  

You´ll never walk alone!“
  

*

  

Wenige Wochen später sollte mein Freund Dave bei dem verheerenden Brand im Londoner Grenfell-Tower sein junges Leben verlieren.

Keep calm“ höre ich ihn noch sagen und glaube fest daran, dass er den Menschen im brennenden Hochhaus bis zu seinem letzten Atemzug selbstlos beigestanden hat.  

                                      © Jürgen Gebhardt

 

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