Jürgen Gebhardt               

im Mai 1957 in Koblenz geboren, seit der Jahrtausendwende im unteren Westerwald lebend. Schreibt Kurzgeschichten seit 2005. Themen sind das Leben, die Natur und die Menschen. Die Liebe, Vergänglichkeit und der Tod.                 

Neben dem literarischen Hobby seit mehreren Jahrzehnten als kaufmännischer Angestellter tätig.                 

Hobbys: Frau, Kater, Garten und meine Gitarre. Mountain-bike fahren und Fußball gucken.

Literarisches Ziel ist das Schreiben und Veröffentlichen längerer Geschichten oder eines schmalen Romans.


In vollem Flug

 

Kühler Wind drang durch das spaltweit geöffnete Fenster, mischte sich mit der nach altem Teppich und Tapeten riechenden Raumluft.

 

Ich versuchte gegen den Lärm des Güterzuges anzukämpfen, legte dann aber eine Lesepause ein, um die Sekunden abzuwarten, bis der Zug in der Ferne verschwunden wäre und nur noch das Lachen der Menschen auf dem Hof des Gebäudes zu uns hochdringen würde. Ich ließ meinen Blick schweifen, meine Kollegen hatten ihre Blicke auf die DIN A 4-Blätter geheftet, Kopien meines Vorlesetextes. Keiner ihrer Blicke verriet etwas darüber, ob ihnen mein Text gefiel. Kein Kopfschütteln, kein anerkennendes Nicken, kein Lächeln befreite mich von der Ungewissheit die sich schon eingestellt hatte, als ich die Tage zuvor an der Kurzgeschichte geschrieben hatte.

 

Was hatte ich mir Großes vorgenommen! Wollte eine Geschichte schreiben, die vor Einfällen überquoll, bereichert wäre durch Sprachgewandtheit, Eindruck machte durch überraschende Wendungen. Vielleicht sogar ein kleines Stückchen Literatur, wenigstens ein klitzekleines, bitte! Nichts von alledem! Was ich zu Papier gebracht hatte, erschien mir als biedere Hausmannskost, von der meine Zuhörer nicht satt werden konnten.

 

Unruhig rutschten meine rechts und links von mir sitzenden Kollegen aus der Schreibgruppe "Die Brückenschreiber" auf ihren Stühlen herum. Dachten sie "Mann, wie langweilig!" Langweilig? Alles würde ich ertragen können an Kritik, aber dieses Wort würde mich durchbohren wie ein geschärfter Speer.

 

Es war kühler geworden in den letzten Minuten. Frostig. Ich zog meine Jacke zu, unter der ich mich verbarg wie hinter einem Schutzschild, von dem alles abprallen würde.

 

Warum gelang es mir nie, seltene Anflüge von Esprit festzuhalten und die wohlklingenden Satzkonstruktionen zu Papier zu bringen, die unvermittelt einschwebten, filigrane Gestalten, die wie eine Seifenblase platzten, wenn ich sie mit meinen unbeholfenen Händen einfangen wollte. Besucher auf der Flucht, stets willkommen, aber immer wieder ausradiert aus meinem Gehirn, überlagert von neuen, uninspirierten Einfällen.

 

Wieso war meine Schreibfeder nach all den Jahren des Übens immer noch viel zu viel Schwert, viel zu wenig Florett? Würde es mir je gelingen, wie einst Artus Excalibur aus dem gewaltigen Fels zu reißen und ein König der schreibenden Zunft zu werden, gleichsam jugendlich und unverwundbar? Meine Gedanken in die Wolken schrauben, wie ein Greifvogel sich in vollem Flug, losgelöst von der Erde, die Zutaten greifend, die eine gelungene Geschichte ausmachen?

 

"Hallo, du träumst! Lies weiter!" Franz, unser strenger, aber väterlicher Schreiblehrer, schaute mich an und sofort war mir in aller Härte bewusst, wo ich war: Zurück auf der Erde!

 

Ein paar Minuten später hatte ich fertig gelesen.

Ruhe im Raum. Selbst die eisernen Räder der Güterzüge schienen still zu stehen. Warten auf die Beurteilung eines Beitrages, der in vollem Flug meiner Gedanken Leichtigkeit und Einfallsreichtum versprach, nun aber vor mir lag wie eine unbeholfene, grobe Holzschnitzarbeit.

 

Würde es wieder ausgesprochen werde? Dieses eine, von mir so gefürchtete Wort; der Todesstoß für die letzten in mir keimenden Ambitionen?

 

                       

Wie langweilig

                                      © Jürgen Gebhardt

 

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