Michael Eisenkopf


Michael Eisenkopf, 1957 im Herzen des Ruhrgebiets geboren, hat sein Leben zur Hälfte dort und in Lahnstein verbracht.
Schreibt seit fast vier Jahrzehnten Kurzgeschichten, Aphorismen und Gedichte, schwerpunktmäßig zu politischen, zwischenmenschlichen, satirischen und humorvollen Themen, aber auch Science Fiction- und Fantasy-Texte.

Veröffentlichungen in Anthologien, Literaturzeitschriften, Zeitungen und im Radio.

1. Preis beim Lotto Literaturpreis 2017







 

Gewinnertext Lotto Literaturpreis 2017:


Speisen oder reisen


Nach dem Beerdigungskaffee ließ ich mich ein wenig ziellos durch die Altstadt treiben. Es war ein warmer Julitag, erst in drei Stunden würde mein Zug nach Hause fahren. Ich ging durch die Straßen der Altstadt, wo ich mit Reiner, meinem besten Freund, manch schönen Abend verbracht hatte. Mehr als zwei Jahrzehnte lang waren wir miteinander durch die Tiefen und Höhen unseres Lebens gegangen. Er fehlte mir sehr.

Unvermittelt stand ich vor einem imposanten Jugendstilgebäude, das eine angenehme Ruhe ausstrahlte und mich magisch anzog. Als einziges in der Häuserreihe war es nicht mit Graffiti besprüht. Seltsam, dass es mir nicht bei früheren Aufenthalten aufgefallen war.

Die alte, massive Eingangstür des Restaurants im Erdgeschoß ließ sich erstaunlich leicht aufziehen. Angenehm kühle Luft und gedämpft-warmes Licht empfingen mich. In gut dosierter Laut-stärke erklang Bachs Präludium Nr. 1 aus dem Wohltemperierten Klavier. Hinter dem weiträumigen Restaurantbereich lockten im Halbdunkel gewaltige Bücherregale.

Ein freundlicher, etwas altmodisch wirkender Kellner in tadelloser, schwarzer Livrée begrüßte mich mit ausgesuchter Höflichkeit. „Herzlich willkommen, der Herr. Möchten speisen oder reisen? Trinken oder in der Zeit versinken?“ Ein leichter Schwindel erfasste mich. Was hatte er gerade gefragt? Ein komischer Kauz. „Ich möchte gern erst einen Blick in ihre Karte werfen“, erwiderte ich.

Sehr wohl, der Herr. Nehmen Platz.“ Er eilte zum nächstgelegenen Tisch und zog einen der einladenden Sessel zurück, in dem ich angenehm versank. Als ich mich umblickte, fiel mir auf, dass ich der einzige Gast zu sein schien. Höflich, aber nicht devot, beugte sich der Kellner zu mir herunter. „Die Karte, mein Herr.“ Er hielt mir eine großformatige, nach frischem Leder duftende Mappe hin. „Möchten vielleicht einen Mokka?“ Erwartungsvoll, aber unaufdringlich sah er mich an. „Gern“, antwortete ich. Er lächelte freundlich. „Sehr wohl, der Herr.“

Nur wenige Augenblicke später, wie mir schien, näherte er sich mit einem Tablett und stellte es vor mir auf den Tisch. „Zum Wohl, der Herr.“ Diskret zog er sich zurück.


Ich trank einen Schluck und öffnete die Karte. Wollte ich überhaupt etwas essen? Auf den ersten Seiten fand ich Beschreibungen köstlichster Speisen und glaubte mich bereits von deren Düften umweht. Ich blätterte weiter. Aber statt noch mehr Gerichte aufgelistet zu sehen, schien sich vor mir ein dreidimensionaler Raum zu öffnen, die exakte Abbildung der Bibliothek im hinteren Teil des Restaurants, in dem ich saß. In den bis zur Decke reichenden Regalen standen allerdings keine Bücher. Es waren ausschließlich Stadtpläne.

Mein Blick in die Karte ließ das Bild ganz von selbst in die Bibliothek hineinzoomen, bis schließlich ein Stadtplan der Stadt Koblenz zu sehen war. Als ich ihn antippte, öffnete er sich und zeigte den kleinen Garten eines Cafés in der Altstadt. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen, denn mit einem Mal sah ich dort aus der Vogelperspektive mich selbst. Aber wer saß mir gegenüber? Während ich meine Augen noch anstrengte, ging der Blick immer näher heran an eine unwirkliche und skurrile Situation. Denn, wen ich dort sitzen sah, ausgerechnet heute, an diesem Tag, war er, war Reiner, der gerade seinen Kaffee umrührte.

Heftig schlug ich die Mappe zu. Ich schaute mich um, atmete tief durch, blickte aus dem Fenster, trank einen Schluck Mokka. Was ging hier vor? Langsam, beinahe vorsichtig, öffnete ich nochmals die Karte und sah auf das Deckblatt des Stadtplans. Darauf stand kurz und nüchtern: „Koblenz, Freitag, 15. Mai 2015. 14.00 bis 18.00 Uhr. Preis 1.000 Euro.“

Träumte ich? Auch auf den nächsten Seiten entdeckte ich immer weitere Pläne, die mit wichtigen Situationen meines Lebens verbunden waren.

„Der Herr haben gewählt?“

Erschrocken und aus meinen Gedanken gerissen blickte ich auf. Der Kellner stand neben mir, freundlich abwartend und fast mitfühlend wie mir schien, sah er mich an. Ich hatte sein Herannahen überhaupt nicht bemerkt. „Verzeihen, möchten speisen oder reisen?“ wiederholte er. „Trinken oder in der Zeit versinken?“

Ich… ich verstehe nicht.“ Meine Stimme zitterte. „Was verkaufen Sie hier?“ Ohne etwas von seiner Freundlichkeit einzubüßen, blickte er mich eindringlich an. „Gnädiger Herr, wir verkaufen das, was soeben gesehen haben. Wenn lediglich speisen möchten, werden der Herr sicher sehr zufrieden sein. Können sich aber auch auf eine Reise begeben, die weit, andererseits aber auch nur kurz ist. Und seien im Übrigen unbesorgt, werden Ihren Zug zurück nach Hause ganz gewiss nicht verpassen.“ 

Woher wusste er?

„Der Herr können selbstverständlich mit Kreditkarte zahlen, wenn nicht genügend Bares mit sich führen.“

Ich wurde ungeduldig. „Sagen Sie mir doch bitte, wohin ich reisen kann.“

Aber mein Herr!“ Er senkte seine Stimme und sagte beinahe flüsternd: „Es ist doch IHRE Karte. Können sich noch einmal mit Ihrem verstorbenen Freund treffen, wenn das der Wunsch ist.“ Ich erschauderte. Es gab nichts, was ich gerade mehr wollte. „Können auch der eigenen Geburt oder dem Fußball-Endspiel 1958 beiwohnen. Möchten ein weiteres Mal die Augenblicke erleben, in dem der Herr sich in seine Frau verliebten? Bittschön. Möchten der Herr mir für eine Reise in die Bibliothek folgen? Bei uns werden Wünsche wahr, Ihre Wünsche. Gewiss werden die Wahl nicht bereuen, ganz gleich, welche.“

Ich habe mich entschieden. Für ein Wiedersehen mit meinem Freund Reiner, was auch sonst. Es war eine der tiefsten und kostbarsten Erfahrungen meines Lebens, ihm noch einmal zu begegnen. Ich weiß jetzt, dass Freundschaft über den Tod hinaus verbindet. Nichts endet wirklich.

Niemals wurde übrigens etwas von meiner Kreditkarte abgebucht. Als ich zwei Monate später noch einmal nach Koblenz fuhr, fand ich an Stelle des Jugendstilgebäudes lediglich einen kleinen Park mit wundervollen alten Bäumen vor.

Eine stille Oase, wo neben einem kleinen Teich eine einzelne Trauerweide steht.

                  © Michael Eisenkopf

 

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