Sven Schmidt

Sven Schmidt, geboren 1977 in Neuwied, seitdem zufriedener Stadtteilbewohner zwischen Wied und Rhein, nach Abitur und Wehrdienst zum Bürostuhlakrobaten mutiert, verheiratet, 2 Kinder, über das Lesen zum Schreiben gekommen. Begeisterter Besucher der Neuwieder Literaturwerkstatt . Schreibt hauptsächlich Kurzgeschichten, ohne sich auf bestimmte Themengebiete festzulegen. Träumt von Zeit und Geduld irgendwann ein kleines Büchlein mit Leben zu füllen.

 

 


Godzilla


Nun ist es so, als wäre ich aus dem DeLorean gestiegen und gerade Zurück in die Zukunft gereist. Ich sah nochmal all jene Ereignisse, beobachtete den Vorspann, den Hauptteil, erlebte erneut den Tag, der meinen Weg genau zu diesem Punkt geführt hat. Schicksalhaft, ohne Reue, hebe ich ab, geradewegs auf das Ende unseres Films zu.
Es ist die erste Szene, die mich zu dem machte, was nun zerbrochen ist:   Als du in mein Leben kamst.

Sommer 99. Ein langweiliger Samstag. Ich habe die Verabredung mit den Jungs verpennt und warte auf den späteren 14-Uhr-Bus. Ich steige ein.
Meine Gedanken fliegen wie die Feder im Vorspann unseres ersten Kinofilms. Es ist einer der besonderen Momente, die einzigartig sind -  eine Magie, die sonst nur auf der Leinwand existiert. Ich sehe dich in der letzten Reihe sitzen.
Es fühlt sich an, als würde der kleine Forrest zum ersten Mal seine Jenny erblicken. Es ist der Moment, als Neo hinter der Matrix erwacht, Luke Skywalker die Macht spürt und Bastian nach Fantasien reist und die kindliche Kaiserin erscheint.

Unsere Blicke verfangen sich und ich spüre die Verbindung – spüre, dass hier etwas seinen Anfang nimmt.
Die Menschen im Bus, die Autos auf den Straßen, die Fahrt – alles wird vom Nichts verschluckt.
Ich setze mich in die Reihe vor dir. Obwohl mir so etwas nie leicht gefallen ist, spreche ich dich an und frage, was auf deinem Discman läuft. Du ziehst die Kopfhörer von deiner Mütze und antwortest: „Filmmusik“.
„Ich wette mit dir um eine Karte fürs Kino, dass ich sofort den Film errate“, gebe ich ein wenig an.
Du lächelst amüsiert: „Warum nicht?“.

Natürlich wusstest du da noch nicht, dass wir beide dieselbe Leidenschaft teilen. Du setzt mir die Kopfhörer auf die Ohren. Die rockigen Klänge von Kenny Loggins´ Dangerzone verraten mir sofort den Filmtitel: Top Gun!
Schon sehe ich mich wie Tom Cruise in Fliegeruniform vor startenden F-14-Jets. Selbstbewusst konterst du meine überheblich, zitierten Pilotensprüche und weckst nur noch mehr Interesse in mir. Wir versinken im Gespräch, ganz wie Harry und Sally. Ich vergesse die Jungs, vergesse, was vorher war, beginne die Welt mit deinen Augen zu sehen.

Du löst deine Wettschuld ein. Wir gehen ins große Metropol-Kino.  Der Film beginnt und du nimmst meine Hand. Ziehst mich hinein. Meine Gedanken fliegen wie die Feder. Wir werden zu Forrest und Jenny.
Als der Tag zu Ende ist, hat sich alles verändert.

Du erzählst gleich am ersten Abend von deiner Krankheit und zeigst mir die fehlenden Haare unter deiner Mütze. Mir war das nicht wichtig. Ich wusste, dass ich mit dir gehen würde, wo der Weg auch immer hinführte.
Zwei Jahre waren wir glücklich, lebten uns aus, träumten uns in die Leinwand, sprangen durch den magischen Vorhang.
Wir waren Neo und Trinity, Han Solo und Leia, Arwen und Aragon.  Ich atmete jeden Moment deiner Anwesenheit.

 

An einem Sonntag bist du gestorben.

Alle sagten, es würde vorbeigehen. Die Zeit würde die Wunden heilen.
Ich reiste nochmals nach Fantasien, suchte nach der Macht, durchforstete die Matrix und ritt durch ganz Mittelerde. Aber es war einfach nur trist, alles fühlte sich eindimensional an. Du warst nicht mehr da.
Die Magie war verschwunden.

Oft dachte ich, was wohl gewesen wäre, wenn ich den ersten Bus nicht verpasst hätte: Dann wäre ich nicht im Film unseres Lebens gelandet, sondern würde noch lange das bedeutungslose Dasein eines Statisten führen.

Mein Innerstes ist verwüstet, ohne dich

bleibt die Leinwand leer.
Nun beginnt Abspann:
Ich bin Japan, der Schmerz ist Godzilla.
Zum ersten Mal gewinnt das Monster.

Forrest legt sich auf Jennys Grab.
Ein Windstoß wirbelt die weiße Feder auf und lässt sie auf die Reise gehen. 

 © Sven Schmidt                                                                            03/2018

 

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